Dichten geschieht, wenn ich der Welt nachkomme, wie sie sich in mir hinterlassen hat. Ich sehe noch einmal. Aber ich sehe notgedrungen, denn das Gesehene und Erlebte ist bedürftig nach dem Wort und bedürftig bin auch ich, wenn die in mir hinterlassene Welt zum inneren Sehen drängt und sich wieder zu einem Bild zusammensetzen will. Deshalb dichte ich meistens nicht an der
Welt, sondern an der Welt, wie ich sie in mir erlebe – und zwar um sie loszuwerden. Denn sie, die wiederkehrende Welt, ist der unerlöste Stein im Meer meiner Seele, der sich an mich kettet und mich in die Tiefe des vergeblichen Suchens nach dem Wiedererleben des für alle Zeiten verlorenen Erlebten hinabzieht. Dort aber herrscht das ewige Verblassen und wir werden sedimentiert zwischen Schichten des Ab-Erstehenden.
Ich sehe eine Blume. Was wir wahrnehmen, geht zunächst dorthin in uns, wohinein noch keine Augen geblickt haben. Ich sah eine Blume. Und dann kehrt es wieder von dort in uns, um von uns verstanden, gedeutet, besungen zu werden. Die Blume wächst jenseits in mir zu mir zurück und zeigt sich als nacktes Rätsel, als Verweis, Zeichen, Mysterium. Dichtung beginnt deshalb, wo Welt in uns zum Fraglichen wird und überhaupt sich ent-weltet in uns, um uns ohne bekannte Deutungen und Worte anzublicken. Dichten bedeutet: Karten des Unbekannten entwerfen und ausfahren in die Meere unseres Erlebten, um das wir im Dichten ringen. Das bedeutet aber auch, dass das bedeutsame Leben erst sich in uns zeigt, durch uns hindurchgehen muss, aufsteigen muss in uns. Wir tragen im Dichten die Überfülle an Welt in uns ab, damit wir auf den Flügeln der Worte zurückkehren können in die Freiheit des Wunderbaren, von dem die namenberaubten Bilder künden. S. A. F. Seiler
