Benutze dein Denken, damit du aus dem Herzen leben kannst. Um diesen Sinnspruch, den ich mir nicht selbst ausgedacht habe, darum wird es in diesem Artikel gehen! Um die Bedeutung des Denkens für Psychotherapie, Selbsttherapie, bewusste Lebensgestaltung und für unseren spirituellen Weg. Schauen wir uns an, wie dieses Zitat zu mir gefunden hat!
Beginnen wir, mit einem Yogi-Tee über das Denken nachzudenken
Wann ich zum ersten Mal Yogi-Tee getrunken habe, weiß ich nicht mehr. Mittlerweile bin ich in meinem fünften Leben in diesem einen Leben angekommen. Wahrscheinlich war es irgendwann zu Beginn meines zweiten Lebens, als ich 19 oder 20 war. Auch wenn ich mich heute nicht daran erinnere, sind mir gewiss bereits damals die kurzen Besinnungssprüche aufgefallen, die auf den Teebeuteln stehen: Du brauchst nicht nach der Wirklichkeit zu suchen. Du bist die Wirklichkeit. … Glück sollte geteilt werden … Und vor einigen Tagen: Benutze dein Denken, damit du aus dem Herzen leben kannst. Dieser Tee-Spruch hat es mir angetan. Hat nicht das Denken als peinigendes Seelen-Vermögen, das uns den Seelenfrieden rauben kann, einen ungeliebten, mindestens zweifelhaften Ruf bei vielen Meditierenden? Kennen wir nicht aus unseren inneren Monologen und aus Workshops Fragen solcherart: Wie kann ich die Gedanken stoppen? Wie kann ich dem Affen in mir Grenzen setzen? Wie werde ich meine Gedanken los? Hinaus, hinab, hinfort mit ihm, diesem bösen Affen in uns. Zu dumm nur, dass er ein Teil von uns ist! Zeit für einen Licht-und-Liebe-Exorzismus!
Das Denken – ein überaus ungeliebtes Kind der spirituellen Szene
Vor einigen Jahren, um 2015, begann ich während einer schweren Erkrankung damit, Bücher über Achtsamkeit, Meditation und die buddhistische Geisteswelt zu lesen, alleine und mit anderen zu meditieren; und ich bemühte mich, die helleren Seiten meiner Persönlichkeit und meines Verhaltens zu stärken. Nicht in allen, aber in vielen Gesprächen und Begegnungen in der Meditationsszene werden diese Wünsche von einer Denkfigur begleitet, die im Denken, das aus dem sogenannten Verstand heraus in den Seelenraum tritt, ein zweifelhaftes Vermögen erblickt. Der Verstand, den wir im Schoß des Ichs oder noch häufiger des sogenannten und weltlich-schmuddelig-nervigen Egos lokalisieren, den wir zurückdrängen oder sogar durch eine radikale innerliche Stopp-Technik ganz von seinem vermeintlich seelenzersetzenden Treiben abhalten sollten. So sehr ich dieses Bedürfnis verstehe, so fremd, unfruchtbar und lieblos ist mir diese Idee und Haltung in der Meditation und im alltäglichen Leben geblieben und immer erschienen. Ist das Denken als ursprungstiftende Erhellung meines Seins nicht auch eine Fähigkeit und Tätigkeit, der ich verdanke, dass ich mein Hiersein als Hiersein überhaupt erkennen kann – was mich in das Staunen über das Wunder des Seins zu führen vermag? Ist das Denken nicht eine freie Fähigkeit, der ich meine Bewusstseinshelle verdanke, in welcher ich mich orientieren kann, Entscheidungen fällen und in der ich mich selbst besser kennenlernen kann? Ist das mich mit so belastenden Gefühlen und Vorstellungen umkreisende Denken nicht eine Notwendigkeit, derer sich Teilpersönlichkeiten meiner Seele bedienen, wenn ich als erwachsenes Ich sie nicht hören, ihnen in meiner Entwicklung kein Gehör und keine Ausdrucksmöglichkeiten verschaffen will?
Dein Denken als Spiegel und als dienendes Werkzeug
Rhetorische Fragen! Meine Fragen zeigen, dass ich das Denken schätze und dass ich ihm in meinem Alltag und in meiner Meditationspraxis eine angemessene, sogar wohlwollende Stellung einräume; und dass ich es zugleich, wo es mir in mir peinigend entgegentritt, aufmerksam beobachte. Benutze dein Denken, damit du aus dem Herzen leben kannst – ich ergänze: beobachte aufmerksam, welche Gedanken in dir aufkommen und wer von deinem inneren Clan sie denkt. Das Denken ist somit in einem zweifachen Dienst: Erstens: Wir denken unaufhörlich, oft unbewusst, manchmal bewusst und zielgerichtet, und oft gleiten wir gerade dann in das Denken hinein, wenn wir uns setzen und meditieren wollen. Wenn wir meditieren wollen, schlafen, ruhen, gerade dann entfachen wir oder Stimmen aus unserem Unbewussten die Tätigkeit des Denkens und führen wir uns verdrängte Wünsche, Bedürfnisse und Sorgen vor das Auge des inneres Beobachters. Zweitens: Und in einer ganz anderen Situation ergreifen wir als bewusstes Wesen unser Denken und nutzen es, um unser Leben zu organisieren, unsere Wünsche zu ergründen und Handlungspläne zu entwerfen. In beiden Fällen wird gedacht. Machen wir nicht das Fahrzeug dafür verantwortlich, dass es gefahren wird!
Wie wir ohne Widerstand gegen das Denken leben und das Denken nutzen
Alle diese Aspekte, die ich zu unserem Denken angeführt habe, setze ich als gegeben, wie ich die Empfindungen meines Körpers oder die Umhüllungskraft und Prägbarkeit meiner Emotionen als gegeben setze. Hier beginne ich. Ich nehme mich als Denkenden an und baue weder in der Meditation noch in meinen Alltagsstunden einen Widerstand dagegen auf. Doch ich gehe noch einen Schritt weiter. Ich umarme mein Denken im Denken und erkenne, dass ich vermittels meines Denkens erkenne, dass ich erst in der Helle meiner Bewusstheit einen bewussten Weg zur Selbstnähe, zu meinen Werten, zu einer stärkenden Meditationspraxis einschlagen kann. Benutze dein Denken, damit du aus dem Herzen leben kannst. Meine Fähigkeit des Denkens wird mir nicht nur zum Gehilfen, der mir in der Stille der Meditation verdrängte Bedürfnisse zu erkennen gibt (lies dazu meine pädagogisch-therapeutischen Leitgedanken), sondern außerdem zum mehr und mehr vertrauten Instrument, das ich verfeinere, damit ich mich, meine Entscheidungen und Handlungen, veredeln kann.
Wir üben das begleitende bewusste Denken und ordnen es dem Fühlen unter
Wie aber geht das, dieses Veredeln unserer täglichen Lebensgestaltung? Denken ist eine Tätigkeit, die ich meinen Fragen verdanke. Wo ich Fragen aufwerfe, kann ich mit dem bewussten Denken beginnen. Meine Fragen locken einen inneren Suchprozess hervor. Was nehme ich wahr? Was will ich erleben? Wie kann ich handeln? Meine Erfahrung besteht darin, dass der Weg zu diesen Antworten mich mir selbst näher bringt und dass durch diese Bewegung auf dem Weg des Denkens ein Gefühl der Befriedung in mir aufkeimen kann: das ist also die Chance, dass aus den Fragen ein Weg sich in mein Leben hineinantwortet. Der Grat, auf dem wir nun wandeln, ist aber sehr schmal! Denn es gibt eben nicht nur mich als den bewusst Denkenden, sondern eine Vielzahl von Persönlichkeitsanteilen in mir, die sich ebenfalls des Denkens bedienen. Finde ich mich nicht immer wieder auf meinem inneren Aussichtpunkt ein, kann es sein, dass ich mich als bewusst Denkenden verliere und in die Identifikation falle… und dann im inneren Sturm der Stimmen fortgerissen werde in die Dunkelheit eines Seelensturmes. Was mir auf diesem Weg des Nachdenkens und begleitenden Kontemplierens entgegenkommt in mir als mich übermannendes denkendes Gefühl, das begleite ich mit dem bewussten Denken behutsam und gewaltlos. Der in mir, der da auch denkt, sei mir willkommen: Hallo, du. Ich höre deine Worte, ich kann dir folgen, ich spüre deine Sorgen, Ängste, deinen Schmerz. Wer bist du? Erzähl mir von dir. Was hast du erlebt und was willst du für mich tun? Wie anders ist dieser Umgang mit mir als derjenige, in der Meditation (die ja doch zur Mitte führen soll) Gedanken und Gefühle wegzuschlagen und zu ersticken, weil sie mich ja von der Ruhe, Stille und Erleuchtung fernhalten. Unsinn, psychische Selbstvergewaltigung, spirituelles Bypassing – Spiritu-hölle statt Spiritu-helle! Es wird niemals eine Erleuchtung geben (oder wie auch immer wir das paradiesische Ziel der Meditation benennen, in dem unsere Trennung von der Welt enden soll), solange sie kämpfend erstrebt wird (denn zu Mangel kann nur Mangel hinzutreten). Wer sich selbst verlieren will, sich überwinden will, muss sich jedenfalls zuerst einmal gefunden haben in allem was er ist. In allem Schmerz, aller Lust, Gier, in aller Wut, allem Hass, aller Verlorenheit. Eine selbstentfremdende, selbstverdrängende Abkürzung zur Erleuchtung kann es nicht geben. Mein sinnesverliebtes Dogma lautet demnach: Selbsterforschung, Selbstentdeckung, Selbstannahme und Selbstausdruck vor Selbstaufgabe, innerem Frieden und Wiedervereinigung mit der Urquelle des Lebens. Es gibt keine Abkürzung, und schon gar nicht dann, wenn sie dir irgendein spiritueller Coach verführerisch, aber teuer verkaufen will. Trinken wir zuallererst aus unserer eigenen Urquelle (damit unser Wasser auch etwas klarer werde und wir erkennen können, wie viel Lebensquellwasser uns doch tatsächlich immer zuströmt). Fühlen – das ist es, auch wenn es in der Tiefe nur wenige wagen. Und ein dienendes, liebendes Denken, das uns zum Fühlen führt. Diese ganzen Ausführungen lassen sich wunderbar auf therapeutische Situationen übertragen: denken wir klarer und bewusster und wagen wir (auch als Begleiter) mutig das Fühlen. Und so wird der Umgang, den ich mit mir pflege, edler, klarer und menschlicher, denn ich löse mich davon, mich im Namen meiner höheren Ziele selbst zu vergewaltigen. Ich beginne – zu fühlen! Was für ein Glück, was für ein Spaß, was für eine Lust, was für eine gewaltige, befriedigende Befreiung!
Mit meinem Denken leben – befreundet, verdankend, sinngerichtet
Kehren wir zum Denken zurück. Indem wir denken, springen wir in die Bewusstseinshelle. Ich kann nun über mein Denken und über seine Rolle auf dem spirituellen Weg nachdenken. Ich kann nun erkennen, dass ich mich dazu aufrufen will, öfter bewusst und zielgerichtet zu denken und seltener in das unbewusste, identifizierte Sinnieren zu gleiten. Ich möchte Verantwortung für mein Denken übernehmen und ihm, mir, dafür danken, dass es mir in der Meditation meine Schatten spiegelt. Jeden Widerstand gegen das Denken gebe ich als vergeblich und sinnlos auf. So immer mehr in der Versöhnung mit meinen inneren Anteilen, kann ich das Denken für meine Lebensgestaltung nutzen, worauf ich nun eingehe.
Wieder vereint mit mir als Denkendem ziehe ich in der Helle des Denkens einen Kreis, schreibe ich in diesen Kreis meine Bedürfnisse, Werte und Wünsche, und öffne ich dann diesen Kreis zum Leben hin, indem ich auf dem Rücken meiner Entscheidungen aus diesem dreifachen Herzen lebe. Das Denken hilft mir auch auf dem Weg, der auf die Entscheidungen folgt. Indem ich bewusst und zielgerichtet denke, werde ich zum Beobachter. Ich kann erkennen, ob ich aus dem Herzen, ob ich aus meinen Werten heraus lebe. Indem ich denke, kann ich Entscheidungen treffen, mich auf neue Schritte ausrichten und in den Handlungsmut finden. Im von meinem Denken gestifteten Feld des Bewusstseins wird immer wieder der Weg erhellt und neu gezeichnet. Und hier, in der Helle, stehe ich immer wieder der Frage nach meinen Werten, meiner Haltung, meinen ersehnten Emotionen und meinen tatsächlichen Umsetzungsschritten gegenüber. In der Helle kann ich die Aktualität mit der Potenzialität und der inneren Zukunftsnotwendigkeit vergleichen. In der Helle des Denkens bin ich Beobachter, Fragender und Gestalter zugleich. Was ich Weg nenne – ob ich damit eine Meditationszeit meine, eine selbstfürsorgliche Handlung oder die Planung eines Vorstellungsgespräches – alle diese Handlungen können sich in der Helle der Bewusstheit entwickeln. Die Helle erschafft den Weg!
Auf dem Weg zum Sinn und zum tieferen Erleben
Gehe ich dann diesen Weg vom dumpfen Dasein zur Achtsamkeit, von der inneren Unklarheit zur wertegetragenen Ausrichtung, vom dahintreibenden Handeln zu einem neuen, sinngetragenen, tiefen Erleben, komme ich mir selbst näher. Meditation wird mehr als nur eine Flucht. Meditation wird zu einem besonderen Erfahrungsraum, der von einem neuen Leben, neuen Erfahrungsräumen umweht wird, die ich mir Schritt um Schritt erschließe und erbaue. Nur wer bewusste Wege zum Erleben geht, das er sich ersehnt, ohne sich in auch nur der kleinsten Facette seiner Seele auszugrenzen, wird ein tiefes Erleben erkennen und erfahren können. Dieses tiefe Erleben stellt sich ein, wenn ich meine Seele im handelnden Austausch mit der Welt sich berühren lasse, was aber nur möglich ist, wenn das Geschehen mit meinen Bedürfnissen und Werten im Einklang steht. Das tiefe Erleben ist die Frucht eines Weges zu mir und ist sinngetragen, sinnreich. Ich kann mich hingeben und in die Tiefe des Erlebens fallen lassen, da ich weiß, dass das, was geschieht, eine harmonische Gestalt bildet, die ich in der Helle meiner Bewusstheit immer wieder ergründet und vorbereitet habe. Ich komme in der Lebendigkeit des Erlebens zur Ruhe und bin mir selbst nah. Wo ich gemäß meinen Gefühlen, Werten und getragen von den Frühbildern eines mir gemäßen Lebens handle und meine Seele sich der Welt handelnd hingibt, gleite ich in das tiefe Erleben, und dann erlischt das Denken als bewusste Tätigkeit, die mich in dieses Erleben geführt hat.
Benutze dein Denken, damit du aus dem Herzen leben kannst. Zum Ende dieses Textes möchte ich den Tee-Spruch vom Anfang im Licht meiner Erkenntnisse reformulieren: Denke und fühle bewusst, damit du im selbsterforschenden und sinnreichen Erleben zu einer neuen und tiefen Verbindung zu dir und zur Welt finden kannst. Im sinnreichen Erleben lebe ich aus meinem Gefühlen und meinem Herzen und gliedere ich mich in die unaufhörliche Verwandlung der Welt wieder ein. Die Empfindung der Tiefe steigt in mir auf, die Empfindung der Frühe tritt hinzu. In meiner Unbewusstheit blicke ich im Denken auf, nutze ich meine Gabe des Denkens für meinen Weg, woraufhin ich dann auf dem Weg mich selbst finde und zugleich im Erleben wieder verliere. Für einen Augenblick, für eine Stunde – bis ich wieder kraft meines Denkens in die Bewusstheit finde. Und wenn mein Denken wiederkehrt, beginnt eine neue Bewegung, an deren Ende ein neues tiefes Erleben auf mich wartet. Die große und zwingend zu überschreitende Brücke auf diesem Weg, das ist das mutige Fühlen all dessen, was sich in mir als mein inneres Leben aufdrängt. Es ist das Größte in meinem Leben, weil es als das Entdeckte und Gelebte mehr ist, als ich der Welt jemals geben kann.
Urfassung: 21.04.2020; in der neuen Fassung vom 20.08.2023 habe ich den Aspekt des Fühlens, nach meiner Hinwendung zum empfindungsspezischen Fühlen nach Mike Hellwig als dem fehlenden konkretisierenden Mosaikstück meiner bewussten Lebensgestaltung, klarer herausgestellt und umfangreicher erläutert. Vorher konnte ich nicht klar erkennen, was mit „Selbstliebe“, „Herzöffnung“, „Halten dessen in mir, was sich dunkel anfühlt“ gemeint ist, wenn diese Begriffe nicht kompensierende und damit unbrauchbare und ernüchternde psychospirituelle Phrasen bleiben sollen, oder einfach nur Sehnsuchtsformeln, deren Bedeutung noch nicht entdeckt werden konnte, wenngleich die Bedeutungsgewissheit besteht.