Cannobio am See, an einem Fluss und vor den Bergen

Sand und Steine. Am Strand in Cannobio. Dort, wo ein Fluss mündet. Er kommt aus einer tiefen Schlucht, später werden wir durch das Tal fahren, als dann aber die Nacht uns verbirgt, wie steil die Hänge sind, jenseits des Straßenrands. Doch wir legen uns an den See, als das Licht noch da ist, an die Mündung des Flusses. Zeit für ein Bad. Ich schwimme. Sie wäscht sich die Haare im kalten Wasser. Die blaue Schale, in der sie die Lavaerde aufgeweicht hat, treibt von ihr weg. Das Wasser ist so kalt, dass meine Tagträumerei abreißt für einige Minuten, aber ich muss mich noch nicht wehren und zittern, während ich schwimme, wie manchmal im November. Wir liegen hinter den Steinen, die sie zwischen dem See und dem Park aufgeschichtet haben. Es ist noch warm, aber die Blätter im Park sind gefallen. Später gehe ich ein paar Schritte am Ufer entlang, südwärts, damit ich schauen kann, wo der See im Süden endet. Über dem Süden hinter den Bergen am Ende des Sees ist der Himmel noch hell, gelblich-weiß, von einer warmen Färbung, wie heller Bernstein, aber gelbe und rosafarbene Rosen sind eingemischt. Nur für einen Augenblick bleibt dort am Horizont alles gemalt, wie es gerade ist. Es, das muss wohl sein, beginnt nun doch wieder in mir, die Bilder erscheinen, vom südlichen Leben und von Gassen und Hainen, in denen keine Kälte die Menschen in Behausungen vertreibt. Im Park, wo ich gerade bin, schlendern noch die Familien und die Paare über die wenigen Pfade und blicken auf den See. Sie sind beieinander bis in alle verabredete irdische Ewigkeit und kehren immer wieder heim miteinander und zueinander. Ich bin neidisch, zugegeben, und träume davon, heute Abend hier, an der Straße dieses Sees in diesem fremden Land durch eine Tür zu gehen, hinter der eine Frau wartet mit Kind und warmem Essen auf dem Herd. Eine Frau, die meine Sprache nicht spricht und auf andere Horizonte zulebt, die auch mir ein aufgehendes Leben schenken. Mir, dem, der sich verloren hat im Beobachten und dort Erfüllung fand, was ihm aber kein Brot auf den Tisch gebracht hat. Mir, der sich ausgeliefert hat seit vielen Jahren. Später denke ich dann: Christus ist der Lichtpunkt in der Zeit.  Boote rattern vorbei und das Wasser gluckst und gurgelt zwischen den Steinen am Ufer. Ich blicke, wie immer. Ich atme. Es ist mild, während nördlich der Berge bereits die kalten Nordwinde heranströmen. Doch noch einmal erkenne ich: die Blätter sind auch hier bereits gefallen. Auf der schmalen Straße zwischen dem Ufer und den aufragenden Bergen hupen die Mopeds und die Motorräder dröhnen vorbei. Italienische Rufe. Die Wolken aus dem Westen legen sich auf die Hänge, aber der Regen bleibt aus. Die italienischen Rufe verstehe ich nicht, doch ich fühle mich so wohl damit, dass sie mir fremd bleiben. Sie verschonen mich mit Bedeutung, die mich hinabziehen könnte in einen Alltag. Wenn ich ehrlich bin, zu mir, dann bin ich doch ein glücklicher Verlorener, denn ich verliere mich in Tönen, Farben, Orten, im Vorüberziehenden, das hier den Bleibenden für immer gehört und für sie wohl das Unbedeutende ist. Mir wird nichts unbedeutend, denn ich bin der Eine, der wie die Wolke heranzieht, sich umschaut und geht. Und doch suche ich einen Wegweiser, auf dem Heimat steht.

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