Jetzt, hier und jetzt, in diesem Augenblick deines Lebens, kann durch einfache Gedankenschritte etwas geschehen, das die Weise, wie du im Leben stehst, tiefgreifend verändert.
Was nimmst du gerade wahr?
Am Anfang steht eine Frage. Was nimmst du gerade wahr? Siehst du die roten, pulsierenden Punkte in den Livetickern zur Corona-Krise, die ernsten Gesichter der Experten und Politiker, hörst du deine Freundin im Bett atmen, spürst du, wie das Blut durch deine Handgelenke fließt, nimmst du dein Unbehagen über diese große soziale Krise wahr? Du nimmst wahr, immer schon. Doch nun strahlt, angezündet durch eine Frage, ein Licht von Bewusstheit durch diese Vorgänge hindurch. Werden dir zudem beim Lesen des Corona-Livetickers deine Gedanken bewusst, die belastende Emotionen auslösen und dich sorgenvoll stimmen? Erkennst du, wie ein anderer Teil in dir nach deinem Weg durch die Krise sucht und sich für heute einen Spaziergang vornimmt? Erkennst du, wie sich deine Gestimmtheit durch diesen Plan verwandelt, wie dein Körper sich plötzlich leichter anfühlt? Das bist du. Du nimmst wahr. Äußere Reize, Körperempfindungen, Gefühle. Du bist dieses wahrnehmende Wesen, aber du bist noch mehr. Da sind Gedanken. Sie kannst du nicht wahrnehmen, sie kannst du nur erkennen. Und du kannst handeln, um deine Welt umzuformen. Spazieren gehen, Musik hören, jemanden anrufen.
Der Sprung
Das Wunder, das dir geschenkt wird und das alles ändert, ist dein Sprung. Du hast aufblickt, du bist aufgestiegen. Wird dir bewusst, was gerade geschehen ist? Du hast dir selbst bewiesen, dass dein innerstes Wesen darin besteht, dass du immer wieder in die Bewusstheit springst. Du bist das ewig in die Bewusstheit findende Wesen. Nach dem Sprung bist du da, auf der Lichtung. Du bist präsent, sehend, klar, du beobachtest. Deine Bewusstheit ist ein starkes Feld, in dem du dem Leben auf eine neue Weise begegnen kannst. Spürst du die sanfte Entspannung, die neue Zuversicht, spürst du, wie du Boden unter die Füße bekommst, wo du zuvor in deine Sorgen eingesunken warst. Jetzt, wo du das bist und bei dir sicher, kannst du dich und alles jenseits von dir erforschen und ergründen. Und das erste, was du erkennen kannst, ist das Alltägliche. Erkennst du, dass du wahrnimmst, schon immer wahrgenommen hast und für immer wahrnehmen wirst? Wird dir bewusst, dass du als wahrnehmendes Wesen ein Bezogener bist, einer, der unablässig eine Insel in sich trägt, deren Ufer das Meer seines Lebens umströmt? Wird dir bewusst, dass du eine Insel im Meer des Lebens bist und unaufhörlich von all dem geworfen, gezogen, und berührt wirst, was dich umgibt, einschließlich der Empfindungen deines Körpers und deiner Emotionen? Erkennst du weiterhin, dass du immerfort denkst und dass du ständig handelst oder handeln willst? Noch einmal: Erkennst du, dass du jetzt, in diesem Augenblick deines vergänglichen und kostbaren Lebens, wahrnimmst? Vielleicht hast du deine Bewusstheit kurz verloren, bist in Gefühle eingesunken oder hast einen Gedankengang begonnen, der mit der Corona-Krise zu tun hat. Vorhin hast du es erkannt und jetzt erkennst du es erneut. Du verwandelst dich von dem, der sein Leben in ewig wechselnden Stimmungen unbewusst vollzieht, zu einem hellen Beobachter. Beide, der Lebensvollzieher und der Beobachter nehmen wahr, aber jetzt bist du der bewusst wahrnehmende Beobachter, der von der Flamme der Bewusstheit gewärmt wird. Jetzt kannst du auch der bewusst Denkende werden und der bewusst Handelnde. Am Anfang steht der Sprung. Am Anfang steht die Geburt des Beobachters in dir. Das ist deine erste Antwort auf die aktuelle Corona-Krise, die uns alle betrifft.
Die Achtsamkeit halten
Und nun nimmst du von dem, was zuvor geschah, in der Zeit vor deiner Bewusstheit, nichts weg, und du fügst nichts hinzu. Du stellst das aktive Denken und Handeln zurück, zu dem es dich immer lockt, denn im Gestaltungsraum des Wahrnehmens gilt es, unser Wahrnehmen zu beobachten. Wir bauen zunächst am Fundament eines bewussten Lebens. Erkennst du, wie du fortwährend deine Welt im Wahrnehmen gestaltest und entwirfst, ewig eins mit ihr bist als körperliches und soziales Wesen? Wenn sich deine Bewusstheit entzündet, fällt ein Licht auf die Welt, die du erschaffst. Jetzt bist du da, im Hier und Jetzt, aber nicht als der getrennte Beobachter, sondern als der verbundene Beobachter, der vom lebensvollziehenden Bewohner und Nutzer zum Hüter der inneren Insel geworden ist, die weiterhin in inniger Verbindung mit dem Meer des Lebens steht. Wenn du zum Beobachter, zum Hüter deiner Lebensgestaltung geworden bist, dehnt sich der Augenblick aus und reicht deinem inneren Handeln die Hand. Du kannst zu deinem Behüter werden. Du kannst über all das nachdenken, was du wahrnimmst, du kannst dich aber auch dazu entschließen, die Bewusstheit des bloßen Wahrnehmens zu verstärken und im hellen Wahrnehmen zu verweilen, ohne Gedanken beizumengen.
Bleib zunächst hier, in dieser gedankenarmen, offenen Helle, denn hier erlebst du dich als den Gestalter deiner Welt jenseits deiner gängigen Vorstellungen davon, was es heißt, sein Leben anzupacken. Bleib erst einmal hier, denn hier kannst du einen weiteren Schritt in die Offenheit tun und deine Wahrnehmung bewusst gestalten, verfeinern, erweitern, vertiefen. Weißt du denn bisher überhaupt, was wahrnehmen bedeuten kann? Mit den Tagen wirst du deine Bewusstheit, deine Achtsamkeit verfeinern und dir vielleicht sogar Ziele setzen. Für 15 Minuten still sitzen, Achtsamkeit in der Natur üben, einem anderen Menschen 15 Minuten bewusst zuhören, nicht nur hinhören.
Auf dem Weg der Achtsamkeit wirst du auch deinen Gedanken und Gefühlen begegnen, die sich womöglich zum Guten und Stärkenden verändern, wenn du dein oft fremdbestimmtes Denken schweigen lässt. Du wirst öfter mit Distanz darüber nachdenken, was du tagtäglich denkst, und du wirst deine alten und die neuen Gefühle beobachten. Und das ist unumgänglich, denn beide Seelenqualitäten gehören zu dir wie der Baum, den du wahrnimmst oder die Menschen, mit denen du emotional verflochten bist. Deine Gedanken und Emotionen sind das Tor zum Gestaltungsraum des Denkens, auf das du in der Verfeinerung deiner Bewusstheit zugehst.
Nur die Zauberfrage zählt
Unzählige Achtsamkeitsübungen gibt es. Halt dich nicht an einer Übung fest. Was einzig zählt, ist, dass die Zauberfrage in dir klingt, was du gerade wahrnimmst. Denn dann erwacht deine innere Helle und du wirst zum Beobachter des großen Schauspiels. Das ist der Anfang deines Weges zum Urgrund, zur Tiefe, zur höheren Macht, wie auch immer du das Eine nennen magst. Halt diesen Anfang wach und lass ihn wachsen, nach deiner Wesensart, nach deinen Zeitressourcen. Dann bist du auf dem Weg der Bewusstheit und Achtsamkeit angekommen und veredelst den Gestaltungsraum des Wahrnehmens.
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