Der Tag ist alles, was wir haben

Jede Übung ist eingebettet in einen Tag, der sich aus der Nacht erhoben hat und in eine zukünftige Nacht hinabsinken wird. Wenn wir morgens aufwachen, werden wir neu geboren, weil wir die Unbewusstheit des Schlafes hinter uns lassen, und hinter der Unbewusstheit des Schlafes die langsam verblassenden Welten der Vergangenheit. Dort können wir nicht mehr handeln, auch wenn wir uns noch so sehr nach ihnen sehnen und sie in Bildern in unserem Inneren beschwören. Wir wachen auf, und der Tag empfängt uns, breitet seine Stunden vor uns aus, bereit, unsere Gestaltungskräfte und unsere Handlungen aufzunehmen. Wir spüren in der Stille des frühen Morgens ein sanftes Beben, der Tag ist zu den unmittelbar folgenden Stunden hin geöffnet wie die Erde zum Himmel.  Vögel fliegen über das Land und künden mir von der Freiheit und Offenheit der Frühe.

Fragen an mich

Wie denke ich über den Tag, der vor mir liegt? Beurteile ich ihn als eine Zeit, in der ich fremdbestimmt dasjenige ertragen und erdulden muss, was mir die Zwänge der Welt oder die Prozesse meines Körpers auferlegen? Oder beurteile ich ihn als eine Zeit, in der ich in der Welt neue Wahrnehmungen erschließen und neue Handlungswege gehen kann? Steige ich auf, oder werde ich von demjenigen, was noch nicht geschehen ist, bereits in der Vorstellung niedergedrückt? Erkenne ich, dass ich nur heute, an diesem Tag, in kleinen Schritten erlernen kann, was ich mir mittel- und langfristig wünsche (Beweglichkeit, Achtsamkeit usf.)? Erkenne ich, was ich langfristig erreichen kann, wenn ich heute handle, lerne, übe, erforsche? Erkenne ich, dass die Vergangenheit nie mehr zugänglich, die Zukunft nur eine Vision ist, dass ich aber im Hier und Jetzt ankommen, in der Achtsamkeit Freiheit finden und mein Leben im Augenblick gestalten kann?

Offenheit für die Frühe: 2 Tagesworte

Wenn wir den Tag unmittelbar nach dem Aufstehen mit einer Morgenmeditation beginnen, versuchen wir, eine Haltung zu kultivieren, die wir als Offenheit für die Frühe bezeichnen. Wir erweitern die bisherige Morgenmeditation um zwei Elemente, die uns auf unserem Weg der bewussten Lebensgestaltung stärken und die uns in diese innere Offenheit für die Frühe bringen. Wir beginnen den Tag mit fünf Minuten weiter Achtsamkeit und sprechen dann ein Gedicht von Rumi, das in uns die Offenheit der Frühe aufblühen lässt.

Achte gut auf diesen Tag, denn er ist das Leben. Das Leben allen Lebens. In seinem kurzen Ablauf liegt alle seine Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins. Die Wonne des Wachsens. Die Größe der Tat. Die Herrlichkeit der Kraft. Denn das Gestern ist nichts als ein Traum und das Morgen nur eine Vision. Das Heute jedoch, recht gelebt, macht jedes Gestern zu einem Traum voller Glück und jeden Morgen zu einer Vision voller Hoffnung. Darum achte gut auf diesen Tag.

Übung: Ich gehe in eine weite Achtsamkeit. Nach 1-2 Minuten spreche ich achtsam das Gedicht von Rumi und spüre dann seinen Worten nach. Danach schreibe ich in mein Erfahrungs- und Ideenbuch, was mir zum Begriff der Frühe einfällt.

Wenn wir diese Worte achtsam laut sprechen und uns ihrem Sinn öffnen, erkennen und fühlen wir in einem, dass ein Heute vor uns liegt, in dem wir gestalten können – wir besitzen zwar die Gabe der Ausrichtung auf die Zukunft, aber wir müssen uns zunächst und immer auf die Achtsamkeit ausrichten, die uns in die Fülle der Gegenwart führt, wo jeder Handlungsweg beginnt.

Wenn ich in mir die Haltung der Offenheit der Frühe aufblühen lasse, bin ich bereit für das Gelassenheitsgebet, das ich nach dem Gedicht spreche:

Gott (Gott, höhere Macht, Gott-Selbst – jeder findet hier die ihn im Leben auf den guten Weg führende Instanz), gib mir die Gelassenheit, Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Durch dieses Gebet bringe ich mich in eine Haltung der Mitte. Ich gebe mir selbst zu verstehen, dass die Offenheit der Frühe nicht bedeutet, dass ich alles erreichen und bekommen kann, was ich mir wünsche, dass ich aber in der Lage bin, Dinge in meinem Leben zu ändern, die mir wichtig sind, jedenfalls kann ich zunächst meine Einstellung zu vielen Dingen ändern. Eingebettet in die Offenheit der Frühe erkenne ich Veränderungsmöglichkeiten, die ich ohne sie womöglich nicht erkannt hätte. 

Übung: Was kann ich in und an meinem Leben nicht ändern, was anzunehmen mir aber sehr schwer fällt? Was könnte ich ändern, wenn ich den Mut aufbringen würde? Ich schreibe meine Gedanken in mein Erfahrungs- und Ideenbuch.

Die Achtsamkeit hilft mir dabei, anders wahrzunehmen, mich und mein Verhältnis zur Welt anders zu erfahren und zu erforschen. Sie ist ein „Ding, das ich ändern kann“, denn ich bin immer frei darin, meine Wahrnehmung und meine Einstellung zu äußeren Umständen, zu dem, was sich zeigt, zu ändern. Somit erreichen wir durch die Morgenmeditation dreierlei: Wir stimmen uns durch das stille Sitzen in weiter Achtsamkeit auf unsere Macht ein, anders und neu wahrzunehmen. Wir stimmen uns durch das Tageslob auf die Offenheit der Frühe ein, die uns dabei hilft, Achtsamkeit zu üben und unsere Gestaltungsmacht am offen vor uns liegenden Tag über die Achtsamkeit hinaus zu erkennen. Wir stimmen uns durch das Gelassenheitsgebet auf unsere Reflexionsfähigkeit und auf unsere Weisheit ein, die Welt und unser Leben im Rahmen unserer aktuellen Möglichkeiten zu verändern.

Beide Tagesworte zusammen und miteinander verbunden und ins Gedächtnis gerufen (eine Karte für unterwegs mit beiden Gebeten empfehlen wir), lassen mich immer wieder frisch in die Augenblicke des Tages gehen.

Es ist nicht der ganze Tag als Zeiteinheit, in der ich handle, sondern der Augenblick, der Moment, das Jetzt und Hier, die Gegenwart, die in den Tag eingebettet ist. In ihr bin ich achtsam, also bewusst. Vor ihr fliehen wir im ungezügelten Planen der Zukunft und Zurückträumen in die Vergangenheit, und dabei sperren wir uns selbst aus dem einzigen Erfahrungsraum aus, in dem wir da sind und handeln können: dem gegenwärtigen Augenblick. Die Offenheit der Frühe in mir gibt mir dabei eine tragende Ausrichtung, die ich benötige, um im Moment das Mögliche in Offenheit und Achtsamkeit zu tun und dasjenige zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann. Die Offenheit der Frühe, die offene Weite des Tages ist der  atmosphärische Rahmen für meine Entwicklung, die ich in Achtsamkeit im gegenwärtigen Augenblick gestalte. Dazu zählen alle unsere alltäglichen Handlungen, aber auch unsere Achtsamkeitsübungen.

Übung: Ich fertige eine Karte mit dem Gedicht von Rumi sowie dem Gelassenheitsgebet an. Ich nehme mir ein paar Minuten Zeit auf die Ereignisse des Tages zurückzublicken. Dann lasse ich die Erinnerung ziehen und werde leer. Ich entscheide mich, mein Leben jetzt verantwortungsvoll und voller Freude zu ergreifen und lese beide Gedichte noch einmal langsam und achtsam. Anschließend beantworte ich mir die Frage, was ich jetzt, jetzt und hier Gutes für mich und meine Entwicklung tun kann.

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