Hinausgehen in das Neue – warum wir auch ohne Gründe das Haus verlassen sollten (inspiriert durch ein Gespräch mit Alexander Neumann)  

Die Stunden bei der Arbeit haben mich heute viel Kraft gekostet. Müde und schwach betrete ich die Wohnung. Sonnenlicht auf dem Sofa, dem Parkett, den Pflanzen.  Zu müde für eine Meditation fühle ich mich, so müde. Sicher würde ich bald einschlafen, wenn ich mich auf mein Bett legen und der Stimme zuhören würde, die mich durch die Meditation führt. Statt zu schlafen, schreibe ich weiter an diesem Text. Da ist eine Stimme in mir, die sich finden möchte, eine Stimme, die Worte schreiben möchte um in den Worten wieder zu sich zukommen. Die sich zurückholen will. Die mich zurückholen will zu mir. Die sein will, wie ich bin. Als ich den Text fertig habe und meine Gedanken um das Rausgehen kreisen, um das Neue, das ich preise, verspüre ich eine Sehnsucht nach dem Abend draußen, der sein warmes Licht über die Wiesen und Wälder legt und auf dem die Vögel im Geäst ihre Töne tanzen lassen. Ich fühle mich abgeschlagen und zugleich will ich vertrauen, dass etwas geschehen wird. Im Licht. Am Bach. Auf dem Weg entlang des Waldes. So, wie meine Ideen im Text es mir erzählt haben. Die ersten Minuten draußen kämpfe ich mit meiner Müdigkeit und meine Augen fühlen sich schwach an, sehverdrossen. Doch am Ende des Ortes, kurz vor der Brücke über den kleinen Bach, kommen mir vier Jugendliche entgegen. Ein alter Hund entläuft ihnen und steuert auf mich zu. Kathie, bleib hier! Zu spät. Ich beuge mich hinunter und lasse mich zur Begrüßung abschlecken. Wie heißt sie nochmal? Kathie! Und ich heiße Sabine, ruft ihre Begleiterin mit einem Lachen! Wie ein kühlender, aufweckender Guss von Wasser strömt die Lebendigkeit der jungen Menschen an mich heran, flutet über mich hinweg. Zieht mich aus meiner Müdigkeit in die kühle Luft und die Ereignisse des Augenblicks, zu denen ich plötzlich zähle. Ich bin wach. Und ich heiße Sebastian, rufe ich zurück! Wir lachen einander zu. Kathie zieht schnell weiter und mit ihr die jungen Menschen.

Was uns für gewöhnlich hinauszieht, hinaustreibt – sofern uns die Bildschirme nicht in das vertunnelte Inter-Online-Leben hineinziehen –, steht uns vor Augen:

Wir müssen gezwungenermaßen Dinge besorgen und unsere Existenz sichern. Wir wollen freiwilligerweise Freuden erleben und Lustvolles erringen.

Was aber, wenn wir auch dann noch die Frage stellen, welche Gründe uns in die Welt führen könnten, wenn es keine handfesten Gründe gibt, die zu unserem persönlichen Reiseführer werden? Was aber, wenn wir unseren persönlichen Reiseführer durchblättern und uns die bekannten Orte, bekannten Ereignisse und gewohnten Menschen nicht mehr reizvoll erscheinen – ausgeblättert!

Des Hinausgehens müde, könnten wir uns anstoßen, indem wir uns zum Ausgleich getaner Arbeit mit einem neuen Produkt belohnen (lagernd irgendwo) – zufällig oder absichtlich ausgewählt –, gleichfalls mit einem in unsere Absicht genommenen Erlebnis, das bereits feststeht, einem Marktbesuch etwa, oder jeder möge seine Fantasie an dieser Stelle bemühen, um sich das lockende Ereignisreiche vor Augen zu zaubern.

Was aber, wenn auch dann noch ein Lustabbruch in uns geschieht und das vermeintlich Lockende unter unserem Blick zu einem erwartet Überraschungslosen zerfällt, dem wir nicht zutrauen, uns aufzuschließen, weil es bereits zu viel Absicht, Planung und Gemachtheit enthält?

Was wir suchen, sind Überraschungen – das Unerwartete. Wir erwarten das Unerwartete. Auch wenn wir in unserer Erwartung bereits vertreiben, was niemals Erwartungen antwortet, wissen wir doch in der Rückschau auf unsere Erlebensgeschichte:

Immer, wenn wir hinausgehen, gibt es etwas zu entdecken! Kleine Geschichten, die wir auflesen, Begegnungen, innere Umwendungen und aufhellende Einsichten. Es stellt sich erneut und erneut als eine Täuschung unseres Geistes heraus, dass es nichts Neues gebe: Erschlaggedanke eines alltäglichen Wahns!

Stellen wir uns für eine Weile, eine Minute oder fünf, auf einen Gedanken. Stellen wir uns vor – eingedenk des Wissens um die Ereignisbereitschaft unserer Umgebung –, das Rausgehen selbst wäre das Lockende. Stellen wir uns vor, wir hätten begriffen – weil vormals vielfach erlebend ergriffen –, dass das Rausgehen selbst, wo wir es als Öffnung zum Erleben erleben, ein Lockendes wird, eine belebende Idee, stellen wir uns vor, das Rausgehen als dieses würde uns locken: Wir würden zu leben beginnen und zu träumen beginnen mit einer Sehnsucht in uns, unsere Schuhe zu schnüren, die Tür zu öffnen und unter dem Himmel die Wege und Straßen zu sehen. Das verheißende Rausgehen würde uns locken, rauszugehen. Das Rausgehen begänne zu einem aufregenden Bilderflimmern in uns werden und würde uns zusprechen: Interessantes wird geschehen, wenn du interessiert bist. Es wird dich durch mich etwas finden, wenn du bereit bist, zu mir zu werden, ein Rausgehender, wenn du bereit bist, im Gehen draußen aufgefunden zu werden.

Denn ohne Zweifel: Es muss Wandel geben da draußen! Die Taten der Natur, der Sonne Lauf, der die Nacht vertreibt, die Ereignisse der Erde, die über unsere Tage ziehen wie der Regen, die wachsenden Gräser, die notwendigen Wege der eingeerdeten Tiere, Menschen, die ihren Leidenschaften folgen und erliegen, Taten der Kunst, kosmische Ereignisse, unsichtbare Ereignisse in den Tiefen des Ganzen. Nichts ist festgestellt: nicht die Feststellung entsteht aus der Gewohnheit, sondern das Ende der Gewohnheit. Das zu erfahren: befreiend. Es gibt kein Leben, das wir kennen, nur eines, welches wir vorläufig erkannt haben. Keiner steigt zweimal in denselben Fluss, auch wenn wir die Verwandlung überblenden mit dem Begriff des Flusses, dem wir absolute Existenz zuschreiben.

Lassen wir uns auf ein Experiment ein: Wir treten nach draußen. Wir gehen und nehmen bewusst wahr, was geschieht. Wir suchen Orte auf und fragen mit Augen, Haut und Ohren: Was geschieht hier eigentlich? Wir dokumentieren, was wir gesehen haben, am Ort oder in einem Café unweit entfernt, wo die Eindrücke dem Blatt noch unberührt begegnen. Durch zwei Wochen hindurch lassen wir uns ein auf das Hinausgehen und stellen wir uns in die ungewisse Ankunft des Neuen. Langsam bewegen wir uns dabei. Wir bleiben stehen. Gehen, stehen, schauen und ersehen. Immer bereit für das Ereignis, das uns zu einer Erfahrung verführt. Da draußen gibt es Warten, das uns will! An manchen Tagen lernen wir neue Menschen kennen, an anderen scheint auf dem Abendweg plötzlich das erste Sonnenlicht des kommenden Tages in uns auf. Erfahrungen wie diese machen uns anders, wie die Schneeschmelze Erde ins Tal spült, Kiesel ins Rollen bringt und Sandbänke überspült. Erfahrungen sind Flüsse, die den Berg verändern. Wie werden wir uns verändern, wenn wir mit dem Neuen zu leben beginnen? Was auch immer geschieht: Wir bleiben bereit, wir beobachten wach. Nicht nur wird sich das Neue zeigen, sondern die Wirklichkeit auch verändern, wenn wir das Experiment erweitern, indem wir mit ihr experimentieren – gemäß der Idee: „ Finde, du Neues, auf dem Pfad meines Mutes dich ein, und zieh mich ins Leben.“  

So gewiss wir uns danach sehnen, aus Liebe zum Neuen dem Neuen das Geschenk eines Ankunftsortes zu machen, bleiben wir im Vorhof ungewiss, ob etwas geschehen wird, umschleichen wir womöglich zweifelnd die unausweichliche Zuversicht, beinahe bereit, unsere Absicht abzubrechen und unsere Weltgänge auszusetzen. Wie können wir begehren, was kein Gesicht hat? Wie können wir das Unbekannte visualisieren – getragen von der Absicht, dadurch in eine Handlungswelle zu geraten, die uns über die Unlust hebt? Was aber wäre, wenn wir bereits in uns spürten, fühlten, erlebten, was wir nicht wissen können, wenn wir die Erneuerung bereits ins uns und an uns sehen, hören, riechen, schmecken könnten? Neben der Erkenntnis, dass das Neue sich ereignen kann und muss, können wir uns dem Visualisieren hingeben: Nicht das Neue, sondern das Gefühl, das sich in der Vergangenheit eingestellt hat im Augenblick der Umneuerung, rufen wir in uns wach. Ein anderer Weg: Wir visualisieren Bilder und Symbole, die für Zeiten der Erneuerung stehen: Morgengrauen, Wind, der springende Bachlauf, das Angesprochenwerden durch einen Fremden. Telefonklingeln. Große Ereignisse. Dabei wecken und visualisieren wir ein Gefühl der Erwartung, das wie ein Keim in unserer Seele darauf wartet, von Bildern und Erfahrungen genährt zu werden.  Wir können uns selbst visualisieren im Moment der Überraschung: Wie über-rasch uns etwas überkommt, sich so schnell einstellt, dass es uns wegreißt von unserer Kontrolle. Wir können visualisieren, wie wir nach einem Gang nach draußen Sätze des Stolzes aufschreiben, die uns vor Augen führen, dass wir uns hinausgewagt haben. 

Darum geht es: Leben entdecken und was es ist. Es ist nicht zu Ende gefertigt, was unsere alltäglichen Lebensbegriffe bedeuten. Wir glauben zu wissen, aber wie weit und wie luftdurchlässig reicht unser Weltbild als wachsendes Ideengebäude hinein in den Strom des Wandelns, der unser Weltbild einschmelzen und umschmelzen kann, wenn wir unsere mitlebenden Beobachtungen auf der Brücke unserer Gedanken einbinden in unsere bisherigen Vorstellungen, Konzepte und Erklärungen.

Diese Übung eignet sich für depressive Menschen und solche mit Ängsten. Du gehörst immer schon dazu zu dem großen Spiel und auch du bist eingebunden. Das zu erleben liegt in dir, wenn du wieder zurückkehrst in die Sphären, die dich umgeben, bereit, dich zu beleben.

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