Warum soll ich nach Erlebenswünschen suchen, wenn ich in der Achtsamkeit bereits erfüllt bin?
Heimkommen in der Achtsamkeit
Achtsam zu werden bedeutet, innerlich innezuhalten: den Körper mit der eigenen Aufmerksamkeit bewusst und ohne etwas zu verändern erschließen. Den Atem wahrnehmen. Die eigenen Gefühle bemerken und strömen lassen. Die eigenen Gedanken wahrnehmen und vorbeiziehen lassen. Achtsam zu werden bedeutet auch, jenseits der Körpergrenze die Geräusche der Umwelt und alles, was dort außerdem geschieht, bewusst zu erleben. Wer all das versucht, der lässt sich ein, der lässt alles herankommen und zu einem offenen Ereignis werden, was sich zeigen will.
Der Achtsamkeit Übende kehrt dabei heim in eine immer schon vorhandene Verbundenheit mit sich selbst und der Welt. Er holt sich heim zu sich. Dabei erlebt er sich als Zeuge und untrennbaren Teil eines Lebensprozesses, der sich Augenblick um Augenblick entfaltet. Jack Kornfield, ein bekannter amerikanischer Lehrer des westlichen Buddhismus, beschreibt dieses Heimkommen in die Gegenwart als ein seltenes Ereignis. Nur wenige würde erforschen, was wirklich hier und jetzt da ist: hier und jetzt im eigenen Herz und in der unmittelbaren Umgebung. Zu schmerzvoll sind oftmals die verdrängten Gefühle, zu tief und zu sehnsuchtsvoll in Vergangenheit und Zukunft sind die Gedanken hineingewoben, zu glanzvoll die Bilder von Ereignissen, an die wir unser Herz anbinden, in der Hoffnung, dass sie uns endlich die große Erfüllung schenken werden.
Die heilsame Sehnsucht nach dem puren Sein
Buddhistisch gedacht und achtsamkeitspraktisch erlebt, bedeutet die Ankunft in der Gegenwart, die uns jenseits dieses Grundgefühls der Trennung führt: Erfüllung. Erfüllung ist ein Zustand tiefer Verbundenheit mit mir und der Welt, den ich als lebendiges Glück erleben kann. Diese Erfüllung ist nur einen Augenblick entfernt. Einen Augenblick der stillen, der entschiedenen Bewusstheit, jetzt und hier zu sein. Wer achtsam wird, begibt sich in eine natürliche Erfüllung, die immer da ist und auf uns wartet. Sie besteht darin, dass wir zwanglos mit uns und mit allem da sind. Wir gehen, sobald wir unsere Bewusstheit halten und ausdehnen können, noch einen Schritt weiter und üben uns darin, das Leben mit einem liebevollen Blick zu betrachten: wohlwollend, zugewandt, voller Akzeptanz, dankbar dafür, dass wir der Beobachter sein dürfen, der Zeuge des Lebens. Wir lassen uns als den Denkenden los, den Sorge um Sorge Aufwerfenden, und begegnen uns und der Welt wieder. Wir spüren nach einem sanften Durchbruch in die Weitung der Gegenwart den guten Kern in uns, die Liebe in uns, und wir erkennen und fühlen, dass wir ein Teil eines magischen Geschehens sind, das wir alle das Leben nennen. Tief in die Achtsamkeit zu finden, führt uns in ein Erleben, das sich mit Worten immer nur unzureichend beschreiben lässt. Es ist einfach: tiefe Verbundenheit, Freude, Glück. Eine Neugeburt mitten im Leben. Eine grundsätzliche Lösung. Nur in der Gegenwart können wir erleben, was zu leben bedeutet. Ganz gleich, was wir währenddessen sonst noch tun.
Nach dieser Erfahrung der natürlichen Erfüllung, mit der wir einen Neubeginn mitten im Leben in uns stiften, sehnen wir uns wirklich. Es ist die tiefe Sehnsucht nach uns selbst und nach unserer Verbundenheit mit dem Sein. Es ist die Sehnsucht, pures Sein zu sein, und wir mögen diese natürliche Erfüllung sogar als eine göttlich-getragene Erfahrung erleben, als ein mystisches Ereignis. Dass wir durch unsere Achtsamkeitspraxis ins Sein finden wollen, ist eine heilsame Sehnsucht. Sie trägt uns in die Freiheit inmitten von allem, in der wir uns ganz, heil, geborgen und zugleich lebendig fühlen. Achtsamkeit ist heilsam. Ein Bad im Sein. Jedes Sehnen nach einem anderen Menschen im Außen oder nach einem Konsumerlebnis hingegen, der bzw. das uns im Sinne des Erfüllens von außen her endlich glücklich machen soll, entspringt einer Täuschung des Getrenntseins. Wir erliegen ihr, wenn wir uns abhängig fühlen, wenn wir Sorgen nachgehen oder wenn wir von Versprechungen geblendet werden.
Lassen wir davon ab und lassen wir uns ein auf die Sehnsucht in uns, zum Zeugen des Lebens und unserer Liebeskraft zu werden, öffnet sich eine Tür zum Augenblick. Licht fällt in unser Dahintreiben, auf unsere leidvolle Hingabe an Sorgen und Ängste und Hoffnungen. Der Augenblick wird plötzlich zu einer Weite und Tiefe, in der wir uns frei fühlen wie der Vogel im Wind. Das bedeutet nicht, dass wir dabei immer hochgestimmt sind. Ein Augenblick, der uns gehört und dem wir gehören, mag Schmerzvolles offenbaren. Und doch geschieht Heilung, weil wir wieder fühlen und wieder erleben, was sein bedeutet. Wir spüren, dass wir Leben sind. Wir sind ein Sein, dass sich vom Ganzen gehalten fühlt und welches das große Sein mit seiner Liebe zum Sein erfüllen will.
Wie ist es dann möglich, dass Menschen das Böse in die Welt bringen, Gewalt und Zerstörung, wenn sie doch eigentlich in ihrem Wesen das Gegenteil sind? Das Wölfische in uns nährt sich aus den Gefühlen der Trennung und Herabsetzung. Ein Mensch, der sich dieser Gefühle nicht bewusst ist, läuft Gefahr, an der Wirklichkeit Rache zu nehmen und sich über Gewalt in eine Machtillusion hineinzuhandeln. Das Ende des Krieges setzt ein, wenn der Übende achtsam wird. Wir beobachten unsere dunklen Gefühle und inneren Bilder und lassen uns dann auf die darunterliegenden Gefühle eines alten tiefen Mangels ein, den wir bisher verdrängen konnten. Wir lassen uns nicht aus unseren verlorenen biografischen Kriegen und erlebten Erniedrigungen heraus auf einen neuen Kriegsweg ein (was nicht bedeutet, kein Wesen zu sein, das gesunde Grenzen setzt!), sondern versorgen und heilen uns selbst emotional und alltagspraktisch mit unserem Schutz, unserer Anerkennung und unserer Liebe. Das Böse als das Zerstörerische findet nicht in die Welt, wenn ein Mensch sich selbst dasjenige schenkt, was er in der Welt schmerzlich vermisst.
Vor diesen grundsätzlichen Überlegungen wird deutlich: Erfüllung durch Achtsamkeit führt uns ins Leben und in eine Verbundenheit mit uns selbst, die Frieden schafft. Erfüllung in diesem schlichten, menschlich-universellen Sinn bedarf nur unserer entschiedenen achtsamen Zuwendung zu uns selbst und zu dem, was ist; und unsere Bereitschaft, Wohlwollen, Dankbarkeit und Liebe für alles aufzubringen, was sich zeigen will, weil es vom Leben kommt, das wir lieben. Erfüllung ist kostenlos, ein Menschenpotential, ein Menschheitsgeschenk, und sie ist unmittelbar erreichbar!
Welchen Sinn hat dann das Wünschen überhaupt?
Ob auf uns selbst bezogen oder darauf, anderen helfen zu wollen, denen es gerade nicht gut geht: das Ziel darf es nicht sein, dass wir vor uns wegrennen. Der spirituelle Weg besteht darin, dass wir uns selbst und unserem Leben bewusst begegnen: fühlen, was gefühlt werden will, beobachten, was sich zeigen will, dass wir ehrlich mit uns und anderen sind und ehrlich aussprechen, was wir erleben. Doch wer leidet, ersehnt sich Erleichterung, vielleicht Erlösung. Und noch allgemeiner gedacht: Wer lebt, hat Bedürfnisse, Wünsche, Ziele und Hoffnungen. Ist dieses innere Vorausgreifen nicht berechtigt, weil es zum Menschen gehört?
Wer leidet, ist anfällig für fantasievolle Hoffnungen und Heilsversprechen. Wer Wünsche in sich aufflammen sieht, will etwas tun, will losgehen und manchmal für seine Wünsche gefährliche Berge erklimmen. Bleiben wir zunächst bei dem Wissen um die natürliche Erfüllung, das wir uns erschlossen und das wir erlebt haben, auch wenn es uns schwer fällt, bevor wir zu schnell ein Feuer von Wünschen in uns entfachen, das uns aus der Gegenwart vertreibt. Verzichten wir ganz besonders auf Wünsche, die verführerisch sind, aber womöglich gar nicht zu uns passen („Ich will dieses haben und jenes, diesen und jenen Menschen, und wenn ich erst dieses und jenes erleben kann, werde ich glücklich sein…“). Üben wir uns im Sein. Im kühnen, seltenen Da-Sein und Erforschen des Augenblicks, um an Jack Kornfield noch einmal anzuknüpfen.
An dieser Stelle stellen wir uns eine grundsätzliche Frage dringlich und entschieden. Sollten wir überhaupt etwas wünschen, wenn doch Erfüllung als das Einssein, als das pure Sein, in greifbarer Nähe liegt? Ist zu wünschen nicht ein überflüssiges Übel, das uns fortreißt vom kurzen Pfad zum Glück? Ist zu wünschen nicht sogar die Mutter eines Mangelerlebens, sodass wir, sobald wir uns auf das Wünschen einlassen, leiden, weil wir immer durstiger werden; womit wir sogar die Erfüllung des Wunsches vertreiben, weil mit einem Mangelerleben von außen her nur Mangelerfahrungen in Resonanz gehen können? Für den Moment erscheint das Wünschen nicht als allzu kluge Strategie!
Die Kunst der erfüllten Ausrichtung
Bevor wir diesen Fragen nachgehen und tiefer in das Wünschen blicken, kehren wir noch einmal zum Achtsamkeit zurück. Werden wir praktisch. Stellen wir uns vor, wir wollen uns in einem Lebensbereich neu ausrichten, über den eigenen Weg und die eigenen Wünsche und Ziele nachdenken, gerade weil wir erleben, dass da Unzufriedenheit ist, die von verschiedenen Wünschen begleitet wird. Bevor wir damit beginnen, übergeben wir uns dem Hier und Jetzt, denn wir wissen nun, dass uns unsere Wünsche schnell wegtragen können von der unmittelbaren Erfüllung. Wir wissen zudem um das große Potential der Achtsamkeit, uns in einen Zustand der Zufriedenheit und Freude zu führen, die einem Neuanfang inmitten von allem gleichkommt. Diese gute Tat für uns selbst wollen wir erleben, diesen Anfang; denn wir ahnen, dass sich auf der Lichtung der Achtsamkeit unendlich mehr Neues zeigen kann als in der Enge unseres Sorgenhamsterrades.
Übung: Achtsam werden
Die meisten Menschen sind die meiste Zeit nicht anwesend. Sie sind Zeitreisende, die mit der Zeitmaschine ihres Verstandes unablässig in die Vergangenheit oder in die Zukunft reisen. Kurz vor dem Gipfel kauern sie sich nach der langen Wanderung, die in ihrem Leben bereits hinter ihnen liegt, in ihrer Zeitmaschine zusammen, ziehen die Kapuze über den Kopf und leben in ihrer eigenen Welt.
Wo bist du gerade mit deiner Aufmerksamkeit…
und was denkst du eigentlich über die Wirklichkeit?
Glaubst du, dass alles so ist, wie es eben ist, festgestellt, ohne Geheimnis, grau – und dass es woanders, an einem anderen Ort oder in einer anderen Zeit, besser ist?
Verlasse die Zeitmaschine. Die Denkmaschine. Kehre zurück zur Gegenwart.
Bist du anwesend? Bist du da?
Was nimmst du gerade wahr?
Sei hier. Sei wach.
Nimm alles.
Sei neugierig, wie du es als Kind warst oder in deiner Jugendzeit, als dir die großen Fragen des Lebens gegenüber standen. Entdecke.
Schau auf die Dinge, als hättest du sie noch nie zuvor gesehen.
Lass dich ein auf den Gedanken, dass dich die Achtsamkeit in einen anderen Bewusstseinszustand führen wird.
Im Moment ankommen bedeutet, dass du plötzlich auf einem Berggipfel mit einem überwältigenden Panorama stehst. Du erwachst. Du erfährst eine Wiedergeburt.
Du wirst pures Sein.
Wir werden zu Beginn einer Ausrichtungssitzung still und kommen behutsam bei uns selbst an. Wir erleben schrittweise die Fülle, wie sie sich im aktuellen Augenblick vor unserer Beobachtung ausgestaltet. Wir bemerken das Schöne um uns herum und geben uns diesem hin, und wir öffnen unser Herz für alles, was da ist. War zu Beginn der Ausrichtungssitzung ein Mangelgefühl vorhanden, verliert sich dieses langsam. Manchmal bemerken wir daraufhin, dass in der Achtsamkeit als einer weiblichen Yin-Erfahrung ein Fleck männlicher Yang-Energie aufblitzt in Form eines emotional bedeutsamen Wunsches, mit dem wir eine Verbesserung unserer Lebenslage verbinden. Am Ende der Lichtung der Achtsamkeit öffnet diese sich zu einem Panorama mit Ebenen, Hügeln und Bergen, und wir erspähen etwas Neues am Horizont, das unsere Wanderlust aufweckt.
Sollen wir dieser männlichen Yang-Kraft, mit der dieser Wunsch aufsteigt, folgen, wenn wir dadurch doch aus der Erfüllung durch den Augenblick herausfallen? Diese Frage versorgen wir mit zwei Antworten.
Zum einen: Grundsätzlich sollte jede Ausrichtungszeit achtsam begonnen, achtsam vollzogen und durch achtsame Übungszeit ergänzt werden. Dadurch verlieren wir unseren Bezug zum Hier und Jetzt und zu unserer Herzenswärme nicht. Wir erinnern uns immer wieder daran, dass wir da sind, in allem, mit allem, während wir uns Fragen nach unserem Leben stellen und über unseren Weg nachzudenken beginnen. Wir führen uns immer wieder in die Dankbarkeit und nehmen diese mit in den Ausrichtungsweg. Wir entscheiden uns immer wieder und jeden Tag dafür, erfüllt zu leben und uns selbst mit allem zu versorgen (so gut es geht), von dem wir bisher glaubten, dass wir es nur im Außen erfahren könnten.
Zum anderen…