Warum überhaupt Erlebenswünsche? Teil 2: Die Erlebenskeime

Warum soll ich nach Erlebenswünschen suchen, wenn ich in der Achtsamkeit bereits erfüllt bin?

Der Erlebenskeim

Zum anderen: Damit die Ausrichtungsgestaltung uns nicht in das Leiden des Getrenntseins führt und damit das Wünschen uns nicht unglücklich macht, besteht die Kunst der erfüllten Ausrichtung darin, dass wir uns etwas wünschen, was bereits da ist und was wir bereits sind! Denn dann umgehen wir das Leidpotential, das jedem Wünschen zukommt! Um diesen widersprüchlich erscheinenden Gedanken zu verstehen, schauen wir uns den Menschen an – und damit sind wir wieder bei einem männlichen Yang-Prinzip. Der Mensch ist ein begabtes Wesen, das wachsen und welches sein Leben gestalten will. Diese männlich-aufstrebende Energie gehört zu seiner Natur. Dabei handelt er aus Erlebenswünschen und Zielen in seinem Inneren heraus. Sie werden ihm zu Sinnhorizonten, die er in seinem täglichen Handeln erreichen will.

Damit diese Erlebenswünsche, die ihn antreiben, ihn aber nicht in eine Nicht-Erfüllung führen, gilt es, Erlebenswünsche zu finden und umsetzen, die wir als keimhaftes Erleben in uns bereits sind und in uns tragen. Die Sehnsucht nach uns selbst, nämlich dass wir uns zum Förderer und Gestalter unserer Talente werden, ist dabei der tiefste Erlebenswunsch, aus dem dann konkretere selbstnahe Erlebenswünsche geboren werden. Sie repräsentieren bereits das, was wir sind und leben und sind ein Keimling in uns: ein Erlebenskeimling, ein Selbst-Keimling. In seiner Kindheit und Pubertät handelt der Mensch intuitiv aus seinen Gaben und bringt seine Erlebenskeime zum Wachsen. Ganz zwanglos entstehen z.B. Bilder auf Papier, Gedichte, oder es wird gebaut, repariert, erfunden oder fantasievoll getanzt. Selbstnahe Erlebenswünsche sind eine (teilweise noch) unerzählte Geschichte eines Seins, das im Menschen schlummert, sie sind eine Lebens-Gestalt aus Handlung und Vision. Selbstnahe Erlebenswünsche sind Seinswünsche: ich wünsche mir zu erleben, was ich bereits (mehr oder weniger deutlich entfaltet) bin. Sie sind Wünsche eines zukünftigen Lebens in uns, die sich so richtig, lebendig und real anfühlen, dass wir sie beinahe als bereits physisch erlebt und erreicht wahrnehmen können, weil es den Erlebenskeimling bereits gibt. Das bedeutet für den Ausrichtungsweg, dass der Mensch auf diesem Weg zum Schöpfer dieses inneren Seins wird und sich von falschen Wünschen befreit. Es bedeutet, dass er sich zugleich tiefer mit sich verbindet und sich erforscht – dem Keimling Licht gibt. Alles, was er selbstnah zu wünschen beginnt, ist als Potential bereits da. Der Glaube, bei der Entfaltung irgendetwas leisten, erreichen oder erkämpfen zu müssen, ist eine erworbene Illusion, die sich in der Leichtigkeit der Entfaltung auflösen kann.

Die Ausgangsfrage der Ausrichtung lautet: Was will ich erleben und wer will ich sein? Sie lässt sich nun konkretisieren: Welches Erleben ist bereits in mir angelegt und lebt dort bereits, drängt schon nach draußen? Dieses gilt es zu entdecken und Wege, Handlungen, Ereignisse zu finden, die dazu passen. Wie geht das?

An dieser Stelle komme ich auf das Bild der Achtsamkeit als Lichtung zurück, die an ihrem Ende den Blick auf ein Landschaftspanorama freigibt. In der Achtsamkeit finden wir einen Stand-Ort im Leben, auf dem wir Beobachter sein können. Wir reichern uns an mit den Sphären des Lebens (Körper, Gedanken, Gefühle, Atem, Körpergrenze, Umgebung, Beziehungen, Natur, Erde, Kosmos), die wir schrittweise immer bewusster wahrnehmen. Sobald wir an unserem Standort im Hier und Jetzt ankommen, stehen wir fest auf dem Boden und können zum Horizont blicken. Wir erspähen am Horizont etwas Neues, das wir uns näher anschauen wollen und wandern los. Das gilt sowohl ganz physisch, nämlich dass wir in der Achtsamkeit oft zu Entdeckern von Landschaft und Natur werden und uns umsehen wollen, als auch geistig, nämlich dass wir in der Achtsamkeit innerlich ein Panorama vorfinden von Wünschen und Zielen, die aus der Tiefe aufsteigen. Für die Ausrichtung gilt somit: Nur wer im Hier und Jetzt ankommt, kann den äußeren und inneren Horizont als Symbol und tatsächlichen Ort befreiender Ahnungen, eines neuen, tatkräftigen Lebens und heller Tage aus noch nicht eingetroffener Zeit erleben.

Ausfliegen und immer lebendiger werden

Wir nutzen in der Ausrichtung deshalb die Achtsamkeit zuhause, aber immer häufiger auch den achtsamen Spaziergang, den Ausflug, das alltägliche Unterwegssein dazu, uns selbst zuzuhören. Welche Bilder, Gefühle, Vorstellungen, Gedanken zeigen sich mir, nachdem ich die Frage aufgeworfen habe, was ich wirklich erleben will (und bereits in mir erlebe)? Die selbstnahen Erlebenswünsche zeigen sich meistens gerade dann, wenn wir nicht zielgerichtet nachdenken, sondern anderes tun und besonders dann, wenn wir in Bewegung sind. Daher bedarf es eines Wechsels aus „rufendem“ Nachdenken (zB in Form des Schreibens oder in einem Zwiegespräch) und des achtsamen, „hörenden“ Unterwegsseins. Wenn wir uns auf diesen Weg von Denken und Loslassen einlassen, reichern wir die erfüllte Achtsamkeit an mit dem Seinserleben der selbstnahen Erlebenswünsche, die plötzlich in uns aufsteigen, z.B. wenn wir bei einem Spaziergang an einen Aussichtspunkt kommen oder wenn uns jemand eine bedeutungsvolle Geschichte erzählt. Verstärken können wir unsere lebendige Achtsamkeit durch Übungen, die uns tiefer mit der Natur und dem Kosmos verbinden, dazu gleich mehr. Wir sehen dann unvermittelt uns selbst in einem Gedanken oder einem Bild von einem Leben, das zu uns passt: „Das passt zu mir, das möchte ich tun, diese Sache erfüllt mich, das habe ich schon lange nicht mehr getan, ich möchte mal wieder, ich habe die Zeit vergessen als…“ Durch die blitzartig auftauchenden selbstnahen Erlebenswünsche vertieft und verlebendigt sich die natürliche Erfüllung im Augenblick. Erfüllung durch den selbstnahen Erlebenswunsch tritt zur Erfüllung, einfach nur da zu sein, hinzu. Der Ausrichtungsweg wird eine sich fortlaufend selbst vertiefende Erfüllung. 

Sobald wir auf diesem Weg bleiben, gestaltet sich die Ausrichtung wie von selbst. Wir lernen uns in einem Wechsel aus Nachdenken, assoziativ-intuitivem Ideenfinden und loslassendem Erleben immer besser kennen. Ein Prozess läuft von innen nach außen ab, ohne dass wir uns in einer Zwangsspirale verfangen, in der wir hypnotisiert sind, etwas zu werden oder zu sein, das uns nicht entspricht. Die auftauchenden selbstnahen Erlebenswünsche bewegen unser Gefühl so stark, dass wir durch die lebendigen Bilder fühlen, dass das Gewünschte bereits in uns da ist und ein Leben hat. Im nächsten Schritt bedenken wir, was wir von diesen Wünschen bereits ins Leben bringen. Wir verstärken diese Aspekte. Wir fragen uns, wie wir diese Wünsche, die oft unsere Talente und Fähigkeiten repräsentieren, in Handlungen und erlebbare Ereignisse übertragen können. Wenn wir dann handeln (zB Aktivitäten ausprobieren), bleiben wir in enger Verbindung mit den Erlebenskeimen und fühlen so gut es uns gelingt, dass das, was wir erreichen wollen, bereits unserer inneren Wirklichkeit entspricht. Wir achten darauf, ob wir uns bei der Aktivität als kraftvoll erleben. 

Und wir gehen noch einen Schritt weiter. Wir nutzen den Ausrichtungsweg mit seiner Frage nach dem selbstnahen Erleben dazu, „wieder Kind zu werden“ und wieder „jung sein“. Je öfter wir bereit sind, verrückte Dinge zu tun, die gebildete Erwachsene selten tun und die wir vielleicht einmal taten (im Wald tanzen, mit den Fingern essen, ausgelassen lachen, in der Öffentlichkeit laut und albern sein, weinen, ehrlich sprechen, die Zeit bei einem Hobby vergessen), desto lebendiger werden wir uns fühlen. Je lebendiger wir uns wiederum fühlen, desto klarer treten uns unsere selbstnahen Erlebenswünsche entgegen. Wir werden in unserer Hingabe an die Gegenwart und in unserer Feier des Lebens so ausgelassen, geweitet und lebendig, dass die lebendigen selbstnahen Ideen in uns angelockt werden und in uns tanzen können. 

Schöpfer sein und werden

Die selbstnahen Erlebenswünsche finden ihre höchste Erfüllungskraft dort, wo wir uns als schöpferisches Wesen erleben, das die Zeit vergisst. Das zu erleben ist unser tiefster und stärkster Erlebenswunsch. Deshalb verwandelt sich die gestellte Ausgangsfrage, was ich erleben und wer ich sein will, noch einmal, wenn wir in unsere Lebendigkeit finden und fremdbestimmte Wünsche für uns immer unwichtiger werden. Sie tritt uns nun immer klarer als die Frage nach uns als Schöpfer entgegen:

Wobei erlebe ich mich zutiefst als schöpferisches Wesen und was (welches Tun) liebe ich in Wahrheit so sehr und kann ich so gut (oder will ich so gut können), dass ich dabei die Zeit vergesse und glücklich bin? Welche Erlebenskeimlinge als vorhandene Begabungen leben in mir, mit denen ich mich ganz und gar verbunden fühle? Welches schöpferische Tun entspringt meinen Begabungen und führt sie zur Entfaltung?

In dieses selbstvergessene Tun führt uns die Ausrichtung auf verschiedenen Wegen, damit wir die höchste Ausdrucksform unserer Persönlichkeit leben können und vom Konsumenten zum Schöpfer werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Lust daran, sich zu erforschen und mit verschiedenen Aktivitäten zu experimentieren. Begabungen können auf vielfältige Weise in die Welt gebracht werden. 

Übung: Der Aufstieg zur Lebendigkeit

Nimm dir Zeit für einen Ausfug und beginne diese Übung auf einem Wanderweg, einer Lichtung, an einer Uferpromende, an einem Aussichtspunkt.

Stufe 1: Erlebe Achtsamkeit

Lebe jetzt im Moment, lebe jetzt – hier und jetzt.

Was nimmst du gerade wahr?

Was geschieht?

Was ist los?

Was tust du gerade?

Lebendigkeit. Spürst du Lebendigkeit?

Fühlst du dich lebendig?

Fühlst du dich kraftvoll?

Fühlst du dich bei dir?

Was möchtest du gerade aussprechen?

Sprich es aus – hier und jetzt.

Was brauchst du gerade?

Öffne dein Herz für das, was sich in dir gerade dunkel und schwer anfühlt.

Was musst du heute tun, damit du diesen Tag gut bewältigen kannst? Damit es dir gut geht?

2. Stufe: Lebe dich lebendig

Was nimmst du in der Natur wahr?

Was spürst du auf deiner Haut?

Kannst du die Sonne sehen, kannst du sie hinter den Wolken erahnen?

Siehst du den Horizont?

Siehst du Vögel vorbeifliegen?

Riechst du den Wald?

Schau dir die Pflanzen an, betrachte sie.

Spürst du deinen Körper?

Spürst du eine Lust, dich zu bewegen?

Hörst du Geräusche in der Ferne?

Ahnst du, was sich hinter dem Horizont verbirgt?

Tauchen Gedanken, Ideen, Pläne in dir auf?

Siehst du Bilder in dir?

Suche dir eine Stelle, an der du ungestört bist.

Spiele ein Lied ab und tanze.

Tanze für dich und für die Natur.

Feiere dich. Deine Lebendigkeit.

Feiere diesen Moment, in dem du am Leben bist.

In dem du pures Sein bist.

Gehe dann in die Stille und werde achtsam.

Wie geht es dir gerade mit dir?

Was magst du an dir? Was ist liebenswert an dir?

3. Frag nach deinem Weg

Geh dann eine Weile weiter und suche dir eine ruhige Stelle. 

Stelle nun Fragen nach deinem Weg. Übergib sie dir und dem Leben.

Was gibt dir Kraft?

Wo liegen deine wahren Kraftquellen?

Wo findest du echte Inspiration? Was stärkt dich wirklich?

Wodurch wirst du empfänglich für die Inspiration?

Womit dort draußen kannst du dich verbinden, um dich zu stärken und dich lebendig zu fühlen – was in der Natur, im Kosmos.

Wie kannst du mit dem Sein in Verbindung kommen?

Was willst du erleben, wer bist du und wer willst du sein?

Geh weiter.  

Nimm dir Zeit, Antworten auf diese Fragen aufzuschreiben, wenn sie sich einstellen.

4. Erlebe dich als Schöpfer

Gehe 1-2 Stunden weiter und stärke dich, wenn du hungrig bist. Trink ausreichend.

Ruf dann den Schöpfer in dir wach.

Werde dir bewusst, dass du ein schöpferisches Wesen bist.

Stelle dir folgende Fragen:

Wobei vergisst du die Zeit?

Wobei erlebst du dich als Schöpfer?

Was kannst du gut?

Worin willst du richtig gut werden?

Womit drückst du dein Wesen, deine Persönlichkeit aus?

Wann gestaltest, baust und erschaffst du?

Wo erschaffst du ein Werk?

Wo baust du etwas auf?

Handle jetzt:

Lebe jetzt aus deinen Gaben.

Lebe jetzt für 5 Minuten aus deinen Gaben und spüre

dich.

Was auch immer es ist: bring es jetzt für 5 Minuten in die Welt:

Zeichne in den Waldboden.

Schreibe ein Gedicht.

Fotografiere.

Ruf jemanden an und hör ihm zu.

Baue etwas aus Ästen.

Finde eine hier und jetzt eine Handlung, die deine Gaben, dein Talent, nach außen trägt.

Auf diese Weise unterwegs und mit immer mehr Selbstkenntnis beschenkt, vernachlässigen wir die Umsetzung nicht. Jede Ausrichtung braucht die Verinnerlichung des Erkannten und Erlebten und die konkrete Umsetzung dessen im Alltag. Dazu mehr in einem anderen Text.

Ausblick: Schöpferische Resonanz

Ich möchte an dieser Stelle noch einen Ausblick geben. Durch die selbstnahe Ausrichtung kann sich ereignen, dass die innere Fülle des Erfülltseins im Augenblick (mit sich selbst und den Sphären von Natur und Kosmos) durch die äußere Fülle eines selbstnahen Handlungs- und Lebensgefüges ergänzt wird. Diese äußere Fülle in Beruf, Beziehung, aber auch Gesundheit, wird gefunden, ohne dass sie gesucht werden muss, weil die Ausrichtungsgestaltung auf einem schöpferischen Prozess der Entfaltung von Fülle beruht (der natürlich auch einen Umsetzungswillen und einen Umsetzungsweg braucht!). Die eigenen Talente werden erlebt und zu größerer Fülle geführt. Der Mensch macht die Erfahrung, immer weiter zu entfalten, was als Möglichkeit in ihm bereits vorhanden ist und sich entfalten will. Und er macht die Erfahrung, dass die Welt ihm auf seine Gaben antwortet.

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